Cild 2002

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Schrott

Na ja

Und da stehen sie nun vor einer Türe, die beiden Alten, na ja, halt so um die 70 herum, halt so kurz vor - oder nach? - dem Übergang von Möchtegern-Jugendlichkeit zu Schrulle und Tattergreis, ordentlich frierend und noch mehr verunsichert, und beide möchten, dass das Andere das Tor ins mögliche Verderben zuerst aufstösst, heldenhaft voraus geht auf dem Weg, der zurück vielleicht nicht mehr ins traute Heim, sondern direkt in die Klappsmühle führt, so Vorstellungen halt, die man haben kann, wenn man erstmals im Leben bei einem Psychiater zwecks Abklärung vorzutraben hat. Aber, und das schleckt keine Geiss weg, sie haben ja diesen Schicksalsmoment selbst und fast freiwillig herbeigeführt, und würden sie sich nun beklagen, so wäre das bereits der erste Schritt in die Schizophrenie, und damit wären sie dann eh wieder genau am richtigen Ort.

Jawohl, oder eben nein, Mitleid mit den beiden Alten ist nicht angebracht, im Gegenteil, haben sie doch keinen Aufwand gescheut, um sich in diese Lage zu bringen, haben den Zusammenbruch des Telefonnetzes riskiert, um endlich die Person zu finden, die nun offenbar hinter dieser Türe ihr Unwesen treiben sollte, respektive, und es muss jetzt gesagt sein, die beiden Alten auf eine mögliche Depression abzuklären hatte, nein, eben nicht, sondern ihnen das Fehlen jeglichen Anzeichens eines solchen Geisteszustandes bestätigen sollte; nur, diese Erwartung würden sie eh schon bald begraben müssen.

Aber der Reihe nach. Vorläufig versperrt ja immer noch dieses schmale, steinalte Tor zum Innern eines vermutlich noch älteren Altstadtgebäudes den Weg zu erwartet Unerwartetem, und deshalb drückt er jetzt forsch die Klinke hinunter und die Türe nach innen. Ersteres geht leichter als vermutet, zweiteres geht gar nicht, auch nicht nach aussen. Sind sie falsch? Nein, die Hausnummer stimmt. Also die Klingelknöpfe unter die Lupe nehmen. Und ja. Man ist am richtigen Ort. Anschrift stimmt: Dr. med. psych. Felix Fröhlich, 3. Stock. Das Adrenalin schiesst ein. Klingeln, Summton, und rein mit den beiden Psychofritzen. Vor ihnen schraubt sich eine Steinstufentreppe scheinbar unendlich in die Höhe, aber links wohnt ja hoffentlich Herr Schindler. - Es hat nicht sollen sein. Unsere beiden Alten gratulieren sich zu ihrem Zeitmanagement; es bleibt oben genug Zeit, um einen drohenden Herzinfarkt mit bewussten Atemübungen abzuwenden.
Und nun mutig vom Treppenhaus in den Bürotrakt. Der Eingang ist geschmückt mit 5 Plaketten, jede mit einem Dr.-med.-psych.-Namen versehen. Okay, die haben es näher, wenn sie einmal in die gleich schwierige Lage kommen sollten wie unsere zwei Alten. - Wie auch immer, ein Wartezimmer wartet - deshalb heisst es ja so! - mit offener Türe auf etwaige Besucher. Und das sind jetzt eben wir, Chrigi und ich. Wir sind immer noch zu früh, weshalb wir, nachdem wir uns aus den Sibirienkleidern geschält haben, sofort unsere Handys zücken, um noch das Morgen-Sudoku zu erledigen und so das angestaute Adrenalin etwas abzubauen.

Aber denkste, das mag man uns nicht gönnen. Schon begrüsst uns ein bärtiger Mann in salopper Kleidung und Finken und bittet uns in seine Werkstatt. Wir betreten eine mit Teppich ausgelegte Stube, ausgerüstet mit viel Material aus der Brockenstube und zwei modernen und bequem wirkenden Sesseln sowie einem ebensolchen Zweiersofa. Die drei Meter bis dorthin entwickeln sich allerdings mühsamer als erwartet, müssen wir doch auf freundlich unmissverständlichen Hinweis hin zuerst unsere Schuhe ausziehen und uns in Socken zu den Möbeln begeben. - Also nur so in Klammern: Wenn wir zu Hause Gäste empfangen, verlangen wir nie das Entblössen der Füsse, und wenn Besucher trotzdem nicht davon absehen wollen - übrigens eine völlig widersinnige Zeiterscheinung in Anbetracht ständig sich verbessernder Staubsaugertechnik -, also dann offerieren wir wenigstens Filzpantoffeln. Und überhaupt - die Klammer ist noch nicht geschlossen - war und ist das nicht freiwillige Entfernen der Kleidung genau wie das Abschneiden der Haare in allen Zeiten eine Form der Herabsetzung, der Demütigung des Andern. Jetzt ist es raus - und die Klammer kann geschlossen werden.
Herr Fröhlich ist ein Mann in den besten Jahren - was wir ja alle immer sind, nur passen wir uns gedanklich oft zu wenig diesem Umstand an - und wir stellen beruhigt fest, dass es sich bei ihm nicht um einen Versicherungsvertreter handelt, sonst hätte er uns absolut sicher mit Handschlag begrüsst. Er lässt uns nun völlig freie Wahl, ob wir uns beide auf's Sofa quetschen wollen, oder ob doch eines lieber auf einen Sessel fliehen will. Chrigi wählt das Sofa. Ist mir sehr recht, dann mache ich es also wie in der Beiz und wähle den Sessel, von dem aus man den Blick auf den Fluchtausgang hat. Da habe ich allerdings - um beim Bild zu bleiben - die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Bevor ich auch nur in die Nähe meiner Wunschdestination komme, werde ich freundlich, aber bestimmt auf den andern Sessel verwiesen.
Man sitzt. Man schaut einander an. Wer wendet den Blick zuerst ab? Wer räuspert sich zuerst? Wer verrät unabsichtlich seine Nervosität, sein Unbehagen? - Wir können es kurz machen. Nach einem ersten Moment des Schweigens kommt unter Führung des Sitzungsleiters ein angenehmes Gespräch in Gang. Er befragt uns zu unseren Lebensumständen, wir befragen ihn zu seiner Ausbildung, seinem Beruf und seinen Erfahrungen. Er klärt uns darüber auf, dass er keine fehlende Depression diagnostizieren, sondern nur unsere aktuelle Urteilsfähigkeit beurteilen könne, und wir beantworten seine Frage nach dem Warum unseres geplanten Lebensaustritts mit der Gegenfrage "Warum nicht?" Dass er zumindest Teile unserer Website studiert hat, beweist er mit seiner Frage "Seid ihr ein Traumpaar?". Und nach einer guten Stunde verläuft das Gespräch so langsam im Sand, die peinlich stillen Momente mehren sich, man müsste sich eigentlich für die zweite vorgesehene Stunde zu einem Jass zusammensetzen. Aber weil dafür das nötige Mobiliar fehlt und überhaupt, verabschiedet man sich per Handschlag freundlich, nein, herzlich voneinander, deponiert die besten Wünsche für anstehende Skiferien respektive Veloexpeditionen ... und geht seiner Wege.
Unsere Ausatmer nach dem Verlassen des Hauses haben die Temperatur in der Stadt um 3 Grad steigen lassen. - Eine dumpfe Frage bleibt allerdings zurück: Was haben wir denn eigentlich anders erwartet?

PS1: Der Bericht, den wir von 'Felix Fröhlich' erhalten, soll natürlich der zusätzlichen juristischen Absicherung eines möglichen Werkzeuglieferanten dienen.
PS2: Der Name 'Felix Fröhlich' ist logischerweise völlig aus der Luft gegriffen, die Story ist es nicht.
PS3: Sollte 'Felix Fröhlich' wider Erwarten diese Glosse zu Gesicht bekommen, wird er sie mit Bestimmtheit richtig einzuordnen wissen.

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